Tag 22
Zyklus 1 / Woche 4 / Wochentag 7 / Montag / Tag 22 der Therapie
Mein Zustand im Überblick
Der zweiundzwanzigste Tag
Ich lebe noch! Das ist ja schon mal was. Habe die Nacht voll verkabelt in quasi unveränderlicher Rückenlage (mehr ließen die Schläuche, Kabel und Elektroden nicht zu) überlebt. An Schlaf war nicht zu denken, allenfalls dösen.
Nach der Visite erscheint der behandelnde Oberarzt. Ein ausgewiesener kardiologischer Spezialist. Er zeigt mir die CT-Aufnahmen und bespricht mit mir drei Optionen:
- Standardvorgehensweise: Es wird versucht, die Blutgerinnsel in der Lungenarterie mit massivem Einsatz von Blutverdünnungsmitteln nach und nach aufzulösen. Erfolgsaussichten: Angesichts der massiven großen Gerinnsel eher sehr gering. Bis das Gerinnsel eventuell nennenswert verkleinert werden kann, ist die Aussicht auf ein Versterben des Patienten sehr wahrscheinlich.
- Mittels Katheter gezielt eine Speziallösung in das Gerinnsel injizieren und versuchen aufzulösen und anschließend absaugen. Auch hier ist die Herausforderung das massive Gerinnsel und ein sehr dünner Katheterschlauch. Erfolgsaussichten. Schon besser als Option 1, aber auch nicht ernsthaft gut.
- Gerinnsel mittels in den USA entwickeltem neuem Verfahren, dem sogenannten FlowTriever, über einen Spezialkatheter und massiven Unterdruck gezielt absaugen. Der Katheterschlauch wird über eine Vene im Lymphbereich, Herz und schließlich Lunge eingeführt. Risiken: Schädigung der Herzklappen und Blutung in der Lunge aufgrund des sehr hohen Unterdruck. Allerdings ist die Eintrittswahrscheinlichkeit gering, bei allerdings hohem Schaden.
Ich entscheide mich nach ein paar Minuten Bedenkzeit für Option 3. Das Verfahren wurde bisher in Deutschland nur wenige Male und das nahezu ausschließlich in diesem Krankenhaus durch den behandelnden Kardiologen eingesetzt. Zur technischen Unterstützung wird noch der Leiter der deutschen Niederlassung des Herstellers für den FlowTriever, die glücklicherweise in Hamburg sitzt, hinzugebeten.
Die Operation dauert etwa zwei Stunden und rettet mir das Leben! Dem überaus fähigen, mutigen Kardiologen Dr. Nowak bin ich zutiefst dankbar. Letztlich war ich mit diesem schweren lebensbedrohlichen Vorfall zufälligerweise zur richtigen Zeit an der richtige Stelle und in den richtigen Händen. Was für eine Schicksalsfügung!
Am Ende hat der verdammte Tumor mit der Verursachung dieser massiven Lungenembolie alles gegeben um mich zu killen … und es doch nicht geschafft. Ich nehme das als Wink, dass ich jetzt noch nicht dran bin. Am Ende bin ich einfach nur unendlich dankbar, dass ich diesen Vorfall überlebt habe. Eines hat diese Geschichte auf jeden Fall bewirkt. Mein Blick auf das Leben hat sich verändert. Ich weiß wieder jeden Tag zu schätzen und bringe jedem neuen Tag Ehrfurcht und Respekt entgegen.
Zurück zur Lage vor Ort. Ich verbringe den Tag unter strenger Beobachtung in der Intensivstation. Gottseidank fehlt jetzt der ungeliebte Sauerstoffschlauch, was zeigt, dass die Operation ein voller Erfolg war.
